Otto Nerz

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Otto Nerz
Personalia
Geburtstag 21. Oktober 1892
Geburtsort Hechingen, Deutsches Reich
Sterbedatum 19. April 1949
Sterbeort Oranienburg, Deutschland
Junioren
Jahre Station
0000–1910 FG Hechingen
Herren
Jahre Station Spiele (Tore)1
1910–1919 VfR Mannheim
1919–1924 Tennis Borussia Berlin
Stationen als Trainer
Jahre Station
1924–1926 Tennis Borussia Berlin
1926–1936 Deutschland
1 Angegeben sind nur Ligaspiele.

Otto Nerz (* 21. Oktober 1892 in Hechingen, Hohenzollernsche Lande; † 19. April 1949 im Speziallager Nr. 7 Sachsenhausen, Oranienburg) war ein deutscher Fußballtrainer und gilt als erster hauptamtlicher Trainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Als offizieller „Bundessportlehrer“ des Deutschen Fußball-Bundes war er von 1926 bis 1936 für die sportliche Entwicklung der Nationalmannschaft verantwortlich und prägte den deutschen Fußball nachhaltig durch moderne Trainings- und Taktikmethoden.

Leben

Herkunft und Ausbildung

Otto Nerz wurde am 21. Oktober 1892 in Hechingen geboren. Er wuchs als Sohn eines Landwirts und Stückguthändlers mit elf Geschwistern in einfachen Verhältnissen auf. Trotz der schwierigen wirtschaftlichen Lage besuchte er das Gymnasium und absolvierte noch vor dem Ersten Weltkrieg ein Pädagogikstudium.

Während des Ersten Weltkriegs wurde Nerz als Feldarzt eingesetzt. Nach Kriegsende arbeitete er ab 1919 in Berlin als Volksschullehrer. Parallel dazu begann er 1920 ein Studium an der Deutschen Hochschule für Leibesübungen (DHfL), das er 1925 mit dem Diplom abschloss. Seine Diplomarbeit beschäftigte sich mit dem Fußball-Wintertraining.

Später studierte Nerz zusätzlich Medizin und promovierte 1935 zum Dr. med. An der Deutschen Hochschule für Leibesübungen war er zeitweise auch als Fußballlehrer tätig.

Spielerlaufbahn

Seine ersten fußballerischen Erfahrungen sammelte Otto Nerz bei der FG Hechingen. Nach dem Umzug der Familie nach Mannheim spielte er von 1910 bis 1919 als Außenläufer beim VfR Mannheim.

Während seiner Berliner Zeit gehörte er von 1919 bis 1924 Tennis Borussia Berlin an. Besondere sportliche Erfolge als aktiver Spieler blieben ihm zwar versagt, dennoch erarbeitete er sich früh einen Ruf als ausgezeichneter Fußballtheoretiker und Taktiker.

Nach dem Ende seiner aktiven Laufbahn trainierte er von 1924 bis 1926 Tennis Borussia Berlin.

Erster Reichstrainer Deutschlands

Die deutsche Nationalmannschaft galt Mitte der 1920er Jahre im internationalen Vergleich als wenig konkurrenzfähig. Auf Initiative von DFB-Präsident Felix Linnemann wurde deshalb zum 1. Juli 1926 erstmals ein hauptamtlicher Nationaltrainer verpflichtet.

Mit Otto Nerz erhielt Deutschland seinen ersten hauptamtlichen „Bundessportlehrer“ beziehungsweise Reichstrainer. Sein erstes Länderspiel in dieser Funktion betreute er am 31. Oktober 1926 beim 3:2-Auswärtssieg gegen die Niederlande in Amsterdam.

Die zeitgenössische Sportpresse nahm seine Berufung zunächst kaum wahr. Selbst im Kicker wurde seine neue Funktion nur beiläufig erwähnt. Hundert Jahre später, am 31. Oktober 2026, jährte sich dieses historische Debüt zum 100. Mal.

Aufbauarbeit und sportliche Erfolge

Nerz erkannte früh die strukturellen Schwächen des deutschen Fußballs und leitete umfangreiche Reformen ein. Nach Vorbild der englischen Nationalmannschaft führte er moderne Trainingsmethoden ein, organisierte regelmäßige Lehrgänge und übernahm das damals innovative WM-System.

Zudem erweiterte er den Spielerkreis der Nationalmannschaft erheblich und förderte zahlreiche spätere Leistungsträger wie Ernst Kuzorra, Fritz Szepan und Paul Janes.

Bereits 1929 zeigte sich der Erfolg dieser Maßnahmen, als die Nationalmannschaft in fünf Länderspielen ungeschlagen blieb.

Den größten sportlichen Erfolg seiner Amtszeit erreichte Nerz bei der Weltmeisterschaft 1934 in Italien, wo Deutschland mit einem 3:2-Sieg über Österreich den dritten Platz belegte. Es war das bis dahin beste Ergebnis einer deutschen Nationalmannschaft bei einem internationalen Turnier.

Olympische Spiele 1936 und die Amtsübergabe an Herberger

Für die Olympischen Spiele 1936 in Berlin galt Deutschland als Mitfavorit. Nach einem 9:0-Erfolg gegen Luxemburg traf die Mannschaft in der zweiten Runde auf Norwegen. Unter dem Eindruck organisatorischer Vorgaben und mit Blick auf mögliche weitere Turnierspiele setzte Nerz mehrere Reservespieler ein. Deutschland verlor überraschend mit 0:2 und schied vorzeitig aus dem Turnier aus.

In der Folge wurde Nerz beurlaubt. Lange galt die Auffassung, dass Sepp Herberger unmittelbar danach die vollständige Verantwortung übernommen habe. Neuere historische Forschungen kamen jedoch zu einem anderen Ergebnis.

Demnach blieb die Übergangsphase bis November 1936 bestehen. Otto Nerz betreute beziehungsweise verantwortete weiterhin mehrere Länderspiele und blieb als „Referent für die Nationalmannschaft“ zudem Vorgesetzter Herbergers.

Erst am 2. November 1936 wurde Sepp Herberger offiziell zum Reichstrainer ernannt.

Korrektur der Trainerstatistik 2019

Eine von der DFB-Stiftung Sepp Herberger in Auftrag gegebene historische Untersuchung korrigierte 2019 mehrere Fehler in der Trainerstatistik der deutschen Nationalmannschaft. Dabei wurden fünf Länderspiele aus dem Herbst 1936 nachträglich Otto Nerz zugerechnet. Die offizielle Bilanz änderte sich dadurch von 70 auf 75 verantwortete Länderspiele.

Im Gegenzug verringerte sich die Zahl der von Sepp Herberger verantworteten Länderspiele von 167 auf 162.

Die Untersuchung bestätigte damit, dass die tatsächliche Amtsübergabe zwischen Nerz und Herberger wesentlich komplexer verlief als jahrzehntelang angenommen.


Trainer Frühere Zählung Offizielle Zählung seit 2019
Otto Nerz 70 75
Sepp Herberger 167 162

Politische Einordnung

Die politische Rolle von Otto Nerz wird in der historischen Forschung unterschiedlich bewertet.

Unbestritten ist, dass Nerz seit 1919 Mitglied der SPD war und nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 der SA beitrat. 1937 erfolgte zudem sein Eintritt in die NSDAP.

Während zahlreiche Historiker darin eine politische Anpassung an das NS-Regime sehen und auf veröffentlichte antisemitische Beiträge aus den Kriegsjahren verweisen, wird die Bewertung seiner persönlichen politischen Überzeugungen und seines tatsächlichen Einflusses weiterhin diskutiert.

Die moderne Forschung versucht deshalb, sowohl seine unbestreitbaren sportlichen Verdienste als auch seine Rolle innerhalb des nationalsozialistischen Sportsystems differenziert darzustellen.

Wissenschaftliches Wirken

Neben seiner Trainertätigkeit veröffentlichte Nerz mehrere sportwissenschaftliche Arbeiten. Er galt als einer der ersten deutschen Fußballtheoretiker und beschäftigte sich intensiv mit Trainingslehre, Taktik und Leistungsentwicklung.

Kurz vor der Weltmeisterschaft 1938 übernahm er eine Professur an der Deutschen Hochschule für Leibeskultur und wurde deren Direktor.

Nachkriegszeit und Tod

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Otto Nerz im Juli 1945 von der Roten Armee verhaftet. Über das Speziallager Hohenschönhausen gelangte er 1946 in das Speziallager Sachsenhausen.

Dort starb er am 19. April 1949 an einer Hirnhautentzündung.

Forschungsstand

Der Sporthistoriker Karl-Heinz Schwarz-Pich beschäftigte sich über Jahrzehnte intensiv mit Leben und Wirken von Otto Nerz. Nach Angaben aus seinem Umfeld hinterließ er eine weitgehend fertiggestellte, mehr als 400 Seiten umfassende Biografie des ersten Reichstrainers.

Durch den Tod des Autors konnte das Werk bislang nicht veröffentlicht werden. Unter Fußballhistorikern besteht weiterhin die Hoffnung, dass das Manuskript künftig durch seine Witwe veröffentlicht wird und neue Erkenntnisse über Otto Nerz zugänglich macht.


Statistik als Reichstrainer

Zeitraum Funktion Länderspiele
1926–1936 Reichstrainer / Bundessportlehrer 75

Literatur

  • Karl-Heinz Schwarz-Pich: Otto Nerz (unveröffentlichtes Manuskript).
  • Nils Havemann: Fußball unterm Hakenkreuz.
  • Sepp-Herberger-Stiftung (Hrsg.): Forschungen zur Trainergeschichte der deutschen Fußball-Nationalmannschaft.
  • Deutscher Fußball-Bund: Historische Veröffentlichungen zur Nationalmannschaft.

Weblinks

Bilder

Einzelnachweise